Mit dem Postschiff in den Norden

Unser Abenteuer zwischen Polarkreis und Polarlicht

Es begann mit einer jener harmlosen Fragen beim Abendessen, die das Potenzial haben, ein ganzes Weltbild ins Wanken zu bringen. „Würdest du gerne mal eine Kreuzfahrt machen?“, fragte meine bessere Hälfte. Mein inneres Auge produzierte sofort Bilder von schwimmenden Hochhäusern, gefüllt mit „fußlahmen Mumien“, die echtes Abenteuer gegen Vollpension und Rollator-Stellplätze getauscht hatten. Doch während der Wein in den Gläsern funkelte, wandelte sich die Skepsis in Neugier. Vielleicht war es doch an der Zeit, die Welt komfortabel zu entdecken – zumindest jene Ecken, die man sonst kaum erreicht.

Die Entscheidung: Expedition statt Massentourismus

Eines war uns sofort klar: Ein Schiff mit 4.000 Passagieren kommt uns nicht in die Tüte. Wir suchten keine schwimmende Stadt, sondern ein echtes Erlebnis. Auch die Richtung stand schnell fest. Statt Äquator-Hitze zog es uns in den hohen Norden.

Das Ziel: Das Nordkap.

Für meine bessere Hälfte eine Rückkehr nach fast 40 Jahren, für mich eine Premiere am Ende der Welt. Warum ausgerechnet im Winter? Wer zum Nordkap will, um die magische Aurora Borealis – das Nordlicht – zu sehen, der muss den Winter wählen. So fiel unsere Wahl auf den Februar 2023. Während zu Hause gerade die Corona-Hysterie abebbte und die Karnevalszeit begann (der wir ohnehin lieber entfliehen), tauschten wir Konfetti gegen Eiskristalle. Die Vorstellung, mit einem Postschiff durch die norwegischen Fjorde zu gleiten, während über uns die Polarlichter tanzen, hat das Bild der „Kaffeefahrt für Senioren“ endgültig aus meinem Kopf gelöscht. Das Abenteuer Norden konnte beginnen!

Nordwärts: Unsere 15-tägige Winterreise mit Postschiff & Bahn

Manchmal muss es eben etwas Besonderes sein. Fernab von riesigen schwimmenden Städten mit Dauerbespaßung haben wir uns für das Original entschieden: Die Hurtigruten. Dass die legendären Postschiffe die norwegische Küste auch im tiefsten Winter befahren, ist bekannt – doch genau dieser Reiz der kalten Jahreszeit hat uns ins Reisebüro gelockt.

Unsere Prioritäten standen fest: Wir wollen keine Animation, sondern Ruhe, eine überschaubare Anzahl an Mitreisenden und diesen ganz speziellen, exzellenten Service. Die Entscheidung war schnell getroffen: Es geht auf die große Norwegen-Tour – einmal hoch bis nach Kirkenes und wieder zurück.

Die Route: Ein nordisches Abenteuer in 15 Tagen

Wir haben uns eine Strecke zusammengestellt, die schon bei der Anreise den Weg zum Ziel macht:

  1. Auftakt: Mit dem Zug nach Kiel und von dort mit der Nachtfähre entspannt übersetzen nach Oslo.
  2. Bahn-Magie: Mit der berühmten Bergenbahn quer durch die verschneite Landschaft bis nach Bergen.
  3. Das Herzstück: In Bergen beginnt die Hurtigruten-Etappe bis zum Wendepunkt in Kirkenes und wieder südwärts bis Trondheim.
  4. Der Rückweg: Von Trondheim geht es per Bus zurück nach Oslo und schließlich mit der Fähre wieder Richtung Kiel.

Vorbereitung: Schichten, Spikes und Vorfreude

„Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung“ – dieses Sprichwort nehmen wir wörtlich. Unser Gepäck für die 15 Tage muss klug geplant sein. Neben der normalen Garderobe setzen wir voll auf das Zwiebelprinzip:

  • Wind- und wasserdichte Außenschichten.
  • Feste Schuhe und ganz wichtig: Spikes für die eisigen Landgänge.
  • Mütze, Handschuhe und eine gut bestückte Reiseapotheke.

Das Erstaunliche: Alles hat tatsächlich in zwei normalen Koffern und einem Tagesrucksack Platz gefunden. Die Koffer sind gepackt, die Vorfreude steigt – das Abenteuer im hohen Norden kann beginnen!

Wintermärchen auf Schienen und See: Unsere Reise nach Bergen

Am 2. Februar hieß es für uns: Koffer beschriften, gurten und ab in den Norden! Unsere Reise begann ganz entspannt mit dem ÖPNV zum Osnabrücker Hauptbahnhof, von wo aus uns der IC direkt nach Kiel an den Skandinavienkai brachte. Dort wuchs die Vorfreude, als wir auf den Rest unserer beachtlichen Reisegruppe stießen – insgesamt über 60 Personen. Trotz der Größe lief alles wie am Schnürchen: Unsere zwei nebenberuflichen Reiseleiter empfingen uns herzlich und versorgten uns direkt mit allen wichtigen Infos und den Bordkarten für die Color Line.

Ein schwimmendes Hotel ganz für uns

Die Color Line ist weit mehr als eine normale Nachtfähre; sie ist ein echtes Erlebnisschiff. An diesem Donnerstag im Februar hielt sich der Trubel an Bord in Grenzen, was wir sehr genossen. Nach dem Boarding lud uns die Reiseleitung zu einem ersten Treffen in die Diskothek ein. Da diese noch nicht für das reguläre Publikum geöffnet war, hatten wir den Ort ganz für uns und stießen mit einem Sektempfang auf das bevorstehende Abenteuer an. Der Abend klang kulinarisch am riesigen skandinavischen Buffet aus, gefolgt von einem gemütlichen Schlummertrunk im Irischen Pub, bevor wir uns in unsere Kabinen zurückzogen, während das Schiff lautlos Richtung Oslo glitt.

Von der Reling auf die Schiene

Pünktlich zur besten Frühstückszeit erreichten wir Oslo. Nach der Stärkung am Morgen hieß es „Hände frei“: Wir übergaben unser Gepäck einem Spediteur, der unsere Koffer direkt nach Bergen vorausbrachte. Ein Bus brachte uns zum Bahnhof, wo das nächste Highlight wartete: die Bergenbanen.

Durch das weiße Herz Norwegens

Die Fahrt über die Hardanger-Vidda im Februar ist kaum in Worte zu fassen. Stundenlang rollte unser Zug durch eine makellos verschneite Bergwelt. Von tiefen Tälern bis zur kargen, arktisch anmutenden Hochebene der Vidda – wir erlebten fast alle Landschaftsformen, die Norwegen so einzigartig machen, im strahlenden Winterkleid. Ein beeindruckendes Erlebnis, das uns sicher noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Auf der Schiene zur Küste: Unser Start ins Norwegen-Abenteuer

Eigentlich eilt der norwegischen Bergenbahn ein legendärer Ruf voraus: pünktlich, zuverlässig und damit das absolute Gegenstück zur Deutschen Bahn. Doch wie das Schicksal es will, erwischten wir ausgerechnet den einen Zug, der diesen Ruf kurzzeitig vergessen hatte. Mit fast einer Stunde Verspätung und einer Gesamtfahrtzeit von über sieben Stunden rollten wir ein. Man merkte dem norwegischen Zugpersonal den Frust förmlich an – so viel Unpünktlichkeit ist man hier einfach nicht gewohnt! Doch kaum in Bergen angekommen, lief alles wie am Schnürchen. Ein Bus brachte uns direkt zum Hotel am Hafen, wo unsere Koffer bereits entspannt auf uns warteten.

Bergen: Hanse-Flair und Hafen-Idylle

Den nächsten Morgen starteten wir gemütlich mit einem privaten Spaziergang durch das Hafenviertel. Am Nachmittag tauchten wir dann tiefer in die Geschichte ein: Eine geführte Tour durch die alten Kontore aus der Hansezeit (Bryggen) versetzte uns direkt zurück in die Ära der Kaufleute. Die schiefen Holzhäuser und engen Gassen haben einfach einen ganz besonderen Zauber.

Leinen los mit der MS Trollfjord

Gegen Abend wurde es ernst: Wir gingen an Bord der MS Trollfjord. Das Schiff der legendären Hurtigruten wird für die nächsten Tage unser Zuhause auf der „Großen Norwegen-Panorama-Tour“ Richtung Norden sein. Das Konzept der Hurtigruten ist faszinierend: Sie folgen einem festen Fahrplan, transportieren Fracht und Passagiere und halten immer wieder für ein paar Stunden in größeren Orten. Es ist kein reines Kreuzfahrtschiff, sondern das pulsierende Lebensader-Netz der Küste.

Unsere Highlights im Norden

Die Vorfreude ist riesig, denn wir haben viel vor:

  • Ålesund: Ein Spaziergang durch die wunderschöne Jugendstil-Stadt.
  • Polarkreis: Wir werden ihn auf dieser Reise gleich zweimal überqueren!
  • Nordkap: Einmal am (fast) nördlichsten Punkt Europas stehen.
  • Kirkenes: An unserem nördlichsten Stopp am Polarmeer wartet eine Hundeschlittenfahrt auf uns.

Alles Weitere entscheiden wir ganz spontan nach Lust, Laune und Wetter. Jetzt genießen wir erst einmal das Ablegen und den Blick auf die norwegische Küste!

Zwischen Wellengang und Wissensdurst: Unser Zuhause auf dem Nordatlantik

Unsere Reise führt uns im Februar durch den Nordatlantik – eine Zeit, in der das Meer zeigt, was es kann. Unsere Kabine liegt auf Deck 4, also nur knapp über der Wasserlinie. Ursprünglich hatten wir auf ein höheres Deck gehofft, doch wegen unserer späten Buchung waren die oberen Etagen bereits belegt. Im Nachhinein war das ein echter Glücksfall: Wenn die harten Wellen gegen die Bordwand schlagen, ist das zwar kein sanftes Wiegenlied, aber die Schiffsbewegungen sind hier unten deutlich angenehmer und stabiler als auf Deck 8 oder 9. Letztlich dient uns die Kabine ohnehin fast nur zur Nachtruhe.

Kulinarik bei Seegang

Das Leben an Bord wird kulinarisch bestens durch eine Vollverpflegung begleitet. Während Frühstück und Mittagessen ganz entspannt am Buffet stattfinden, wird das Abendessen am Tisch serviert. Das ist zwar stilvoll, kann bei ordentlichem Seegang aber durchaus zur artistischen Herausforderung werden!

Den Tag verbringen wir meistens in den verschiedenen Lounges und Bars oder im großen Saal. Besonders beeindruckend ist das Programm der schiffseigenen Reisebetreuung. Täglich gibt es spannende Vorträge über Norwegen – von der Tierwelt über die Geschichte bis hin zu Land und Leuten. Die Fakten werden kurzweilig vermittelt, für uns praktischerweise auf Deutsch, während andere Gäste den Ausführungen auf Englisch oder in der Landessprache folgen. Trotz rauer See genießen wir die Zeit an Bord in vollen Zügen. Die Mischung aus gemütlichen Rückzugsorten und informativen Highlights macht diese Reise jetzt schon unvergesslich.

Nachtwache im Lichtermeer: Wenn die Trollfjord in Ålesund festmacht

Wer eine Reise auf der MS Trollfjord unternimmt, gewöhnt sich schnell an einen ganz eigenen Rhythmus. Immer wieder steuert das Schiff kleine und große Häfen an, oft nur für eine Stunde, mitten in der Nacht. Manchmal wird man vom sanften Ruckeln des Anlegemanövers wach, blinzelt schlaftrunken aus dem Kabinenfenster und traut seinen Augen kaum: Das Hafengebiet ist taghell erleuchtet. In Norwegen scheint Strom im Überfluss vorhanden zu sein – ein strahlender Kontrast zur dunklen Jahreszeit, die hier ohne künstliches Licht kaum denkbar wäre.

Besonders spannend wurde es, als unser Reisebetreuer – den wir liebevoll „Onkel Heinz“ nennen dürfen – aus dem Nähkästchen plauderte. Der gebürtige Schweizer lebt in Ålesund, wenn er nicht gerade auf See arbeitet. Seine Schilderung sorgte für ungläubiges Staunen in der Gruppe: Für sein 200 qm großes Haus zahlt er für Heizung und Licht gerade einmal umgerechnet 300 € im Jahr. Ja, richtig gelesen – im Jahr! Ein Wert, von dem wir zu Hause nur träumen können.

Unser erster richtiger Landgang führte uns dann direkt in Onkel Heinz’ Wahlheimat: das charmante Ålesund. Die 70.000-Einwohner-Stadt ist weltberühmt für ihr geschlossenes Jugendstil-Zentrum. Nach einem verheerenden Stadtbrand Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Ort komplett aus Ruinen neu aufgebaut. Heute gilt Ålesund zudem als die größte Fischereistadt Norwegens. Gemeinsam mit unserem Guide spazierten wir durch die malerischen Gassen. Wir bewunderten die kunstvollen Fassaden, besuchten eine faszinierende uralte Apotheke und machten Halt bei einem lokalen Galeristen. Ein besonderer Moment: Jeder von uns bekam ein kleines Aquarell vermacht – ein bleibendes Andenken an die Kunstsinnigkeit dieser Stadt.

Den berühmten Panoramablick vom Hausberg Aksla haben wir dieses Mal zwar ausgelassen, aber die Details der Jugendstilhäuser und die besondere Atmosphäre am Wasser waren Highlight genug. Norwegen zeigt sich hier von seiner glänzendsten Seite – im wahrsten Sinne des Wortes!

Winterzauber an der Atlantikküste: Von eisigen Straßen zum Nidaros-Dom

Eigentlich hatten wir uns für unsere Februar-Reise auf den typischen, tief verschneiten norwegischen Winter eingestellt. Die Fahrt Richtung Bergen gab uns recht: Schneemassen, so weit das Auge reichte. Doch kaum an der Atlantikküste angekommen, zeigte sich ein anderes Bild. Zwar kletterten die Temperaturen kaum über den Gefrierpunkt und auf den Straßen glitzerten Eis und Puderzucker-Schnee, doch der Golfstrom leistete ganze Arbeit. Er bescherte uns in Küstennähe so milde Bedingungen, dass Mütze und Handschuhe öfter mal im Rucksack bleiben durften.

Nach unseren Stopps in Molde und Kristiansund hieß unser nächstes Ziel Trondheim. Die ehemalige Wikingerhauptstadt – damals noch unter dem Namen Nidaros bekannt – erkundeten wir komplett in Eigenregie. Ein absolutes Muss: Die fotogenen alten Speicherhäuser an der Gamle Bybro (der alten Stadtbrücke) und ein Bummel durch die charmante Altstadt. Krönender Abschluss war der imposante Nidaros-Dom. Seit seiner Erbauung um 1100 gilt er als norwegisches Nationalheiligtum und beeindruckt durch seine mächtige Architektur.

Doch bei aller Begeisterung saß uns die Zeit im Nacken. Wer mit der MS Trollfjord reist, weiß: Der Fahrplan ist heilig. Die „Uhr im Auge behalten“ war unser wichtigstes Mantra, denn das Schiff wartet auf niemanden. Pünktliches Boarding ist Pflicht – wer zu spät kommt, muss auf Taxi oder Flieger ausweichen, um den nächsten Hafen zu erreichen. Spätestens oberhalb des Polarkreises wäre das ein logistisches Abenteuer, auf das wir gerne verzichtet haben!

Arktische Taufe und Gezeitenkraft: Unser Sprung über den Polarkreis

Ein magischer Moment auf der klassischen Postschiffroute: Noch bevor wir Bodø erreichen, überqueren wir mit der MS Trollfjord den nördlichen Polarkreis. Wer genau hinsieht, entdeckt auf der kleinen Insel Vikingen das markante Polarzeichen – eine Weltkugel, die diesen unsichtbaren Übergang markiert.

Der Polarkreis ist mehr als nur eine Linie auf der Karte bei etwa 66° 33′ Nord. Er ist das Tor zur Arktis, einer gewaltigen, eisigen Kappe, die rund 4 % der Erdoberfläche bedeckt. Auf unserer Reise passierten wir diese geschichtsträchtige Grenze zwischen den Häfen Nesna und Ørnes.

Eiswürfel im Nacken: Die Polarkreistaufe

Die Crew ließ es sich nicht nehmen, dieses Ereignis gebührend zu feiern. Der „Meeresgott Neptun“ (in ziviler Form unser Kapitän) bat zur traditionellen Polarkreistaufe. Das Prozedere: Eine Kelle Eis direkt in den Nacken – für die ganz Mutigen! Zur „Wiederbelebung“ gab es danach zum Glück einen stärkenden Schluck Hochprozentiges. Während sich viele dem eiskalten Spaß hingaben, blieb ich lieber trocken und hielt das Spektakel mit der Kamera fest.

Zwischenstopp in Bodø
Nach den malerischen Vorbeifahrten an Rørvik, Brønnøysund und dem berühmten Berg mit dem Loch, dem Torghatten, legte die MS Trollfjord schließlich in Bodø an. Ein Highlight der Region ist zweifellos der Saltstraumen, der stärkste Gezeitenstrom der Welt. Da dieser etwa 15 Kilometer außerhalb liegt und eine rechtzeitige Buchung erfordert, entschieden wir uns stattdessen für einen entspannten Spaziergang durch das Stadtzentrum von Bodø.

Ein ereignisreicher Tag, der uns endgültig in den hohen Norden geführt hat!

Wenn die See zum Taktgeber wird: Mit der MS Trollfjord durch den Sturm

Es gibt diesen einen Moment, in dem die gemütliche Kreuzfahrt-Atmosphäre schlagartig der rauen Realität des Nordmeers weicht. Man spürt es genau dann, wenn die MS Trollfjord den Schutz der Inselketten verlässt und auf das offene Meer hinausfährt. Mit ihren 135 Metern Länge und 21 Metern Breite ist sie im Vergleich zu den schwimmenden Giganten der Meere fast schon zierlich. Wo moderne Kreuzfahrtschiffe 3.000 Passagiere durch die Wellen wuchten, wirkt unsere Trollfjord mit ihren 500 Kabinen beinahe familiär – doch genau diese Kompaktheit lässt uns die Naturgewalten hautnah spüren.

Tanzstunde am Buffet
Sobald der Seegang zunimmt, verwandelt sich das Schiff. In den Kabinen knarzt es, auf den Fluren wird der Gang unfreiwillig schwungvoll, und im Treppenhaus sucht jede Hand automatisch nach dem Geländer. Besonders abenteuerlich wird es beim Abendessen: Wenn das Schiff rollt, verselbstständigen sich Teller und Gläser. Es ist beeindruckend zu sehen, wie blitzschnell Gäste und Crew reagieren, um zu retten, was noch zu retten ist, wenn das Porzellan den Abflug Richtung Boden probt.

Kursänderung: Sicherheit geht vor
Auf dem Weg zu den Lofoten zeigte uns der Ozean seine Zähne. Die Brandung im offenen Wasser war so gewaltig, dass der ursprüngliche Plan buchstäblich ins Wasser fiel. Häfen wie Svolvaer und Harstad mussten wir schweren Herzens umschiffen. Nicht nur wegen der Wellen, sondern auch aus Respekt vor den lokalen Fischern: Die kleinen Boote suchten Schutz in den Häfen, und ein Manöver unserer Trollfjord hätte dort nur unnötige Gefahr gebracht.

Zwangspause im stürmischen Tromsø

Durch die direkte Fahrt und den Sturm geriet unser Zeitplan durcheinander, was uns schließlich eine längere Liegezeit in Tromsø bescherte. Eigentlich stand die berühmte Eismeerkathedrale ganz oben auf unserer Liste. Doch der Sturm machte uns erneut einen Strich durch die Rechnung. Vom Fußweg oder einer Taxifahrt über die markante Bogenbrücke wurde uns dringend abgeraten. Die Böen waren so heftig, dass eine rechtzeitige Rückkehr zum Schiff nicht garantiert werden konnte. Und eines ist bei aller Romantik der Seefahrt klar: Die Trollfjord wartet nicht – Sturm hin oder her. So blieb uns nur der Blick aus der Ferne und die Erkenntnis: Im Norden bestimmt nicht der Fahrplan die Reise, sondern allein der Wind.

Abenteuer Arktis: Vom Tor zur Arktis bis zum Gipfel Europas

Unser Aufenthalt in Tromsø, dem legendären „Tor zur Arktis“, begann tief eingetaucht in die Geschichte. Da von hier aus einst die großen Expeditionen starteten, war das Polarmuseum unser erstes Ziel. Zwischen Exponaten zu Amundsen und packenden Polarforscher-Geschichten fühlten wir uns in die Pionierzeit zurückversetzt. Einziger Haken: Da das Wetter draußen ungemütlich war, hatten alle Besucher dieselbe Idee. Das Gebäude war so voll, dass man kaum einen Sitzplatz ergattern konnte – die Arktis-Begeisterung ist eben ungebrochen!

Für uns war Tromsø jedoch vor allem der Ausgangshafen für ein ganz persönliches Highlight: das Nordkap.

Die Anspannung an Bord war spürbar. Lange Zeit blieb ungewiss, ob wir das Kap überhaupt erreichen würden. Das Problem war nicht der frische Schnee, sondern der heftige Sturm, der meterhohe Schneeverwehungen auf die Straßen drückte. In Norwegen helfen zwar Spikes-Reifen, aber gegen diese weißen Mauern kommt auch der beste Bus nicht an.

In Honningsvåg kam nach bangem Warten endlich die erlösende Nachricht: Die Straße ist geräumt! Die Fahrt selbst war schon ein Erlebnis – durch den tiefen Unterwassertunnel auf die Insel Magerøya und dann in Serpentinen hinauf durch eine traumhaft verschneite Hochebene.

Am Ziel angekommen, hatten wir unglaubliches Glück: Der Sturm legte eine Pause ein, kein Nebel, kein Schneefall – nur wir, die unendliche Weite und viel Schnee. Einmal am Globus, dem Wahrzeichen am nördlichsten Punkt Europas, zu stehen, war ein erhebender Moment.

Allerdings zeigt sich an solchen Hotspots auch manchmal die „menschliche Seite“ des Tourismus. Eine besonders übereifrige Dame blaffte eine andere Touristin, die gerade vor dem Globus posierte, lautstark an: „Gehen Sie da mal endlich weg, ich möchte meine Freundin allein ablichten.“ Tja, dummdreist siegt leider manchmal – wir haben es mit einem Kopfschütteln verbucht und stattdessen lieber die magische Atmosphäre genossen.

Von der Magie des Nordkaps bis zur Grenze in Kirkenes

Unser Besuch am Nordkap war kurz, aber intensiv. Da uns der Wettergott gnädig war und die Sonne strahlte, entschieden wir uns, die berühmten Nordkap-Hallen nur kurz zu durchqueren. Wir ließen sie buchstäblich links liegen, um jede Sekunde der klaren Sicht im Freien zu genießen – immer mit dem festen Versprechen im Hinterkopf, irgendwann noch einmal von der Landseite her zurückzukehren. Nach zwei Stunden hieß es Abschied nehmen, und die Busflotte brachte uns zurück nach Honningsvåg.

Abends legte die MS Trollfjord mit Kurs auf Kirkenes ab, den nordöstlichen Wendepunkt unserer Reise. Es ist spannend zu bedenken, dass die Bezeichnung „Postschiff“ heute eher nostalgischer Natur ist. Das Postmonopol und die Bord-Postämter gehören der Vergangenheit an. Dennoch wird die Tradition gepflegt: Für die begehrten Postkarten am Polarkreis wird auch heute noch ein spezieller Sonderstempel hervorgeholt.

Kirkenes selbst empfing uns mit einer besonderen Atmosphäre. Das Städtchen mit seinen rund 3.500 Einwohnern liegt in Sichtweite der russischen Grenze. Wo früher reger Grenzverkehr herrschte, ist seit Februar 2022 Stillstand zu beobachten.  Die geschlossenen Übergänge hinterlassen ein beklemmendes Gefühl, das die politische Realität in dieser abgelegenen Region greifbar macht.

Doch unser eigentliches Ziel war ein tierisches Abenteuer: Wir hatten eine Fahrt mit dem Hundeschlitten gebucht. Ein Bus brachte uns zur Station nahe des örtlichen Schneehotels. Bevor es auf die Kufen ging, besuchten wir die Rentiere während der Fütterung. Ein kleiner weißer Außenseiter stahl uns sofort die Herzen: Das helle Tier wurde immer wieder von den größeren, braunen Artgenossen vom Futtertrog verdrängt. Ein rührender Anblick, der uns an diesen besonderen Ort im hohen Norden erinnern wird.

Wohnen im Gefrierschrank? Ein Blick ins Eishotel

Unser Tag in Kirkenes hielt zwei absolute Highlights bereit, die gegensätzlicher kaum sein konnten: stille Eiskunst und pure Action im Schnee.

Zuerst besichtigten wir das berühmte Eishotel. Hier ist der Name Programm: Für knapp 300 € pro Nacht schläft man in einer Welt, die komplett aus blankem Eis besteht – von den Betten über die Tische bis hin zu den kleinsten Accessoires. Während farbige Lichter die Eisskulpturen und Kunstwerke in Szene setzen, kuschelt man sich auf dicken Fellen in die Kälte. Keine Sorge: Die Sanitäranlagen sind modern und beheizt!

Man erzählt sich, dass die meisten Gäste das Abenteuer für genau eine Nacht wagen, um es auf ihrer „Bucket List“ abzuhaken, und für den Rest des Urlaubs in die gemütlichen, warmen Bungalows nebenan umziehen. Wir haben uns das Spektakel lieber nur aus der Nähe angesehen, ohne dort zu nächtigen – beeindruckend war es allemal!

Huskysafari: Mit 6 HS durch die Wildnis

Danach wurde es laut und quirlig bei den Schlittenhunden. Jeder Hund hat dort seine eigene kleine Hütte, doch am glücklichsten wirken die Tiere, wenn sie im Gespann arbeiten dürfen. Unser Schlitten wurde von sechs energiegeladenen Hunden gezogen. Dicht aneinander gepresst saßen wir auf dem ungefederten Holzschlitten, während unsere Musherin – eine junge Österreicherin, die für die Saison den Job im hohen Norden angenommen hatte – uns sicher über die Kufen steuerte. Die 15-minütige Fahrt war rasant! Es ging im Eiltempo durch die verschneite Landschaft und spärliches Stangenholz. Jede Kurve war ein kleiner Adrenalinkick, und man merkte den Hunden (und uns!) den riesigen Spaß an. Heil und mit einem breiten Grinsen im Gesicht kehrten wir zum Hotel zurück, bevor uns der Bus wieder zur Trollfjord nach Kirkenes brachte.

Ein Tag voller Kontraste, der uns sicher noch lange in Erinnerung bleiben wird!

Zwischen Rollen und Rauschen: Wenn die Trollfjord zur Achterbahn wird

Unsere Weiterreise mit der Trollfjord begann absolut planmäßig, doch die Idylle auf der offenen Beringsee hielt nicht lange an. Sobald der Kapitän den Schutz der Küste verließ, zeigte das Eismeer sein wahres Gesicht.

Ein Abendessen mit Eigenleben

Das erste stürmische Abendessen wurde direkt zum Abenteuer. Während wir zum Glück von der Seekrankheit verschont blieben, entwickelten unser Geschirr und die Gläser eine beunruhigende Wanderlust. Sobald das Schiff in die Wellentäler rollte, gingen Teller und Gläser „auf die Reise“ – nicht alles überlebte den Ausflug unbeschadet.

Buffet-Challenge bei 5-Meter-Wellen

Da sich das Wetter in den Folgetagen weiter zuspitzte, stellte die Crew das Konzept 5m: Sicherheit ging vor, Servieren war unmöglich. Stattdessen gab es Buffet. Das klingt entspannt, entpuppte sich aber als echter Geschicklichkeitstest. Bei 5 Meter hohen Wellen war der Weg vom Buffet zum Tisch alles andere als ein Waldspaziergang. Man griff sich nur das, was man einhändig jonglieren konnte, während die andere Hand krampfhaft nach Halt suchte, um die eigene Standfestigkeit zu sichern.

Unruhige Nächte und die Kraft des Wassers

Echte Ruhe fanden wir nur, wenn wir unter Land oder zwischen Inseln kreuzten. In den Häfen pfiff uns der Wind so heftig um die Ohren, dass wir oft lieber an Bord blieben.

Besonders eindringlich waren jedoch die Nächte. Unsere Kabine lag auf der Backbordseite nahe dem Bug. Wenn die Wellen nachts mit voller Wucht gegen den Rumpf schlugen, lag man wach und lauschte. In solchen Momenten fängt man unweigerlich an zu grübeln: Wie dick ist dieser Stahl eigentlich? Welche Kraft kann so eine Wand aushalten? Der einzige, zugegebenermaßen makabre Trost in der Dunkelheit des Eismeeres: Im Ernstfall wäre das Leiden im eiskalten Wasser wohl nach ein bis zwei Minuten vorbei gewesen.

Ein Erlebnis, das uns die Ehrfurcht vor den Elementen definitiv zurückgegeben hat!

Von der Reling auf das Festland: Holz-Giganten und Osloer Glanz

Nach der stürmischen Rückreise auf der Trollfjord hieß es in Trondheim: Abschied nehmen vom Wasser. Nach einem letzten Frühstück an Bord tauschten wir die Kabine gegen einen komfortablen Reisebus. Unser Ziel: Oslo. Die Route führte uns über die weite Hochebene und auch durch das malerische Gudbrandsdal – eine Fahrt, die fast den gesamten Tag beanspruchte, aber keine Sekunde langweilig war.

Ein architektonisches Ausrufezeichen aus Holz

Kurz vor Oslo legten wir einen weiteren Stopp ein, der mich nachhaltig beeindruckt hat: das Mjøstårnet. Mit 18 Stockwerken ist es Norwegens höchstes Holzgebäude. In dem dort ansässigen Hotel gönnten wir uns eine Kaffeepause, bevor es mit dem Lift ganz nach oben ging. Inmitten der massiven Holzarchitektur auf dem Dach zu stehen und die Aussicht zu genießen, war faszinierend. Es ist der lebende Beweis, dass erneuerbare Ressourcen wie Holzbinder im Hochbau eine echte, klimafreundliche Alternative zu Beton sind. Ein Blick in die Zukunft des Bauens!

High-Tech und Luxus in der Hauptstadt

In Oslo angekommen, tauchten wir in eine ganz andere Welt ein. Unser 5-Sterne-Hotel war modern und progressiv bis ins Detail: Schon an der Rezeption erhielten wir spezielle Zugangskarten, die uns automatisch dem richtigen der unzähligen Lifte zuwiesen und direkt zu unserem Zimmer dirigierten.

Das Frühstück am nächsten Morgen war ein Erlebnis für sich – so gigantisch und weitläufig, dass man fast ein Navi gebraucht hätte, um zwischen all den Köstlichkeiten nicht den Überblick zu verlieren. Ein Buffet, an dem man sich schon allein beim Ansehen satt essen konnte.

Vigeland im Winterkleid

Den Abschluss bildete eine Stadtrundfahrt. Obwohl wir Oslo bereits kannten, zeigte sich die Stadt im Februar von einer völlig neuen Seite. Der berühmte Vigelandpark, den wir aus dem Sommer als quirligen Treffpunkt kennen, lag still und friedlich im Schnee. Ohne die plätschernden Wasserspiele wirkten die imposanten Skulpturen fast ein wenig einsam. Doch unsere alten Bekannten waren alle da – allen voran die „Wut-Knolle“, wie wir den kleinen schreienden Jungen liebevoll nennen, der auch bei eisigen Temperaturen nichts von seinem Temperament eingebüßt hat.

Nordlicht-Magie und Nebel-Rätsel: Unser Fazit zur Hurtigruten-Reise

Unsere Reise in den Norden war ein echtes Abenteuer voller Kontraste. Das absolute Highlight zuerst: Wir haben sie tatsächlich gesehen – die Aurora Borealis. Die Nordlichter, wegen denen wir diese Reise überhaupt angetreten haben, tanzten für uns am Himmel. Ein Anblick, den wir fotografiert haben und nicht vergessen werden!

Doch der Norden hat auch seine eigenwilligen Seiten. Als wir die berühmte Schanze am Holmenkollen besuchten, zeigte sich Norwegen von seiner mystischen Seite. Die imposante Konstruktion war im dichten Nebel kaum zu erahnen; erst auf fünf Meter Entfernung tauchte sie schemenhaft vor uns auf. Von der gewohnten Imposanz blieb da nicht viel übrig – ein fast schon gespenstisches Erlebnis.

Nach diesen eindrucksvollen Tagen am Nordkap und in den Fjorden hieß es Abschied nehmen. Am späten Nachmittag brachte uns der Bus zum Osloer Hafen, wo die Fähre der Color Line bereits wartete. Die Überfahrt nach Kiel über Nacht war der perfekte Ausklang, bevor uns der ICE der Deutschen Bahn nach Osnabrück und schließlich der Bus der Stadtwerke zurück nach Wallenhorst brachte.

Unser Resümee:

Es war ein unglaublich interessanter und kurzweiliger Trip. Aber eines steht für uns fest: Wir kommen wieder! Das nächste Mal jedoch auf dem Landweg mit dem Wohnmobil. Wir wollen uns dann statt 14 Tagen lieber sechs Wochen Zeit nehmen, um Land und Leute noch intensiver und in unserem eigenen Tempo kennenzulernen.

Norwegen, du siehst uns wieder – dann hoffentlich wieder mit freier Sicht am Nordkap!